Ich möchte wissen, was mein Sohn hat!

Neulich trank ich eine Tasse Kaffee mit einer befreundeten Mutter, nennen wir sie Anna. Wir redeten über unsere Arbeit, über unsere Kinder, über Coaching- und Therapieansätze. Sie interessiert sich neuerdings sehr für Lerntherapie. Ihr Sohn geht manchmal ungern in die Schule, der Umgang mit Buchstaben gehört nicht zu seinen großen Stärken, er verpasst Deadlines für Arbeiten. Ihm wurde vor einiger Zeit Legasthenie diagnostiziert. Er besucht eine Lerntherapeutin, zu der er erfreulicherweise leidenschaftlich gerne hin geht. „Ich möchte richtig begreifen können, was mein Sohn hat“, sagte mir – so in etwa – Anna.  Was er hat. Diese drei Wörter hallten nach, sie arbeiteten in meinem Kopf weiter. Ich wusste sofort, wieso: Sie stehen für einen mir inzwischen fremdgewordenen Blick auf die Menschen.

Verhält sich jemand auf eine bestimmte Art und Weise, dann steht für mich eben das fest: dass sich jemand auf eine bestimmte Art und Weise verhält. Mehr nicht. Das Verhalten mit einem Etikett zu versehen (einer konkreten Bezeichnung, einer Diagnose) kann ein Hindernis sein, dass dieser Mensch sich frei bewegt und eigene Lösungen findet. Die Etikettierung hat oft zur Folge, dass dieses Verhalten als unveränderlich hingenommen wird. „Ach so, ich habe XY: dann ist alles klar“. Es besteht ein großes Risiko, dass die Aufmerksamkeit auf das Problem gelenkt und die Verantwortung für das Verhalten auf die Diagnose delegiert wird.

Meine Perspektive ist eher folgende: Verhält sich jemand auf eine bestimmte Art und Weise, die in einem bestimmten Kontext als problematisch empfunden wird, so hat er/ sie gleichzeitig große Kompetenzen und Ressourcen, die darauf warten, entdeckt zu werden. Wird die Aufmerksamkeit auf seine/ihre Ressourcen gelenkt, setzt ein Prozess ein, der ermöglicht, eigene Lösungen zu finden. So erlebe ich es immer und immer wieder in Coachings und in lösungsorientierten Gesprächen.

So in etwa erzählte ich das Anna, und sagte auch zu ihr provokativ: „Weißt du, wie ich das sehe? Dein Sohn ‚hat’ gar nichts. Schaffst Du es, den Blick konsequent auf das zu lenken, was ihm gut gelingt, dann lass dich überraschen zu sehen, was für Änderungen eintreten.“ Anna konnte damit sofort etwas anfangen.

Ich wünsche mir von Herzen, dass Therapeutin, Eltern und Lehrer es schaffen, Annas Sohn als einen jungen Menschen zu betrachten, der voller Ressourcen und Stärken ist, und der seine Zeit braucht, eigene Lösungen zu erarbeiten.

Auf dem Weg zurück in die U-Bahn sagte Anna zu mir: „Das Gespräch mit dir hat mich strukturiert! Ich weiß jetzt, was als nächstes kommt.“ Wow. Was für ein Feedback. Danke dir, Anna. Und viel Erfolg.

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